Gender - Das Persönliche ist theoretisch
work in progress - September 2026
Die Natur, mit der ihr mich quält, ist eine Lüge. Vertraut nicht darauf, dass sie euch vor dem schützt, was ich verkörpere: Sie ist ein Gespinst, das die Unbegründetheit [groundlessness] des Privilegs verhüllt, das ihr auf meine Kosten für euch zu erhalten versucht. Ihr seid ebenso sehr konstruiert wie ich; die gleiche anarchische Gebärmutter [Womb] hat uns geboren. Ich rufe euch auf, auch eure Natur zu hinterfragen, so wie ich gezwungen war, mich meiner zu stellen. Ich fordere euch heraus, wie ich Erniedrigung [abjection] zu riskieren – und aufzublühen. Folgt meinen Worten und es mag sein, dass ihr die Säume und Nähte in euch selbst entdeckt. (Susan Stryker 1994, in der Übersetzung von Christian Struck 2023: 59)
Für mich ist „Gender“ ein „schweißtreibendes Konzept“ (sweaty concept) im Sinne von Sara Ahmed; das heißt, ich verwende diesen Begriff, um meine gelebten und erlittenen Erfahrungen von Abweichung und Fremdheit in einer Welt der strengen Zweigeschlechtlichkeit zu verstehen (Ahmed 2018: 20). Als teilnehmende Beobachterin erforsche ich meine eigene Unterdrückung und Befreiung als ältere, Weiße und sozial privilegierte Transperson, die ihre weibliche Genderorientierung unter dem Einfluss transfeindlicher Zuschreibungen lange Zeit verborgen hat, und zwar trotz meiner Privilegien, die es mir, realistisch betrachtet, erlaubt hätten, mein Gender zu leben, ohne meine Existenz zu gefährden.
Ich nenne meine geschlechtsbezogene Identität „transfeminin“, weil ich mit einer weiblichen Genderorientierung in einem kulturell „männlich“ definierten Körper lebe. Kurz gesagt: Ich bin eine Transfrau, auch wenn ich den Begriff „Frau“, der mit so vielen Bedeutungen überladen ist, nur zögerlich verwende.
Mit meiner Arbeit möchte ich einen Beitrag zur kritischen Trans*Theorie leisten. Diese Theorie macht das Wissen und die Erfahrungen von Transpersonen mit ihren eigenen Konzepten und Begriffen sichtbar und ist von den Einflüssen medizinischer und sexualwissenschaftlicher Fachdiskurse befreit, die mit einer gewaltvollen Geschichte der Manipulation und Entwertung von Transpersonen verwoben sind. Zugleich hoffe ich, dass ich, ausgehend von meinen eigenen theoretisch reflektierten Erfahrungen, andere Personen unterstützen kann, geschlechtliche Vielfalt zu verstehen, zu leben und als Ausdruck menschlicher Komplexität und Freiheit anzuerkennen und wertzuschätzen.
Gender als Kultur
Gender ist eine machtvolle und einflussreiche Dimension unserer Kultur. Kultur: Das ist die sinnstiftende symbolische Ordnung, die wir Menschen bauen und nutzen, um unsere Kollektive zu organisieren. Diese Ordnung entfaltet sich in allen Bereichen des Lebens: in der Sprache, Mode, Architektur, Krankenbehandlung, Religion, Wissenschaft, Politik, Landwirtschaft und so weiter. Sie gewährleistet, dass wir uns verstehen, verständigen und gemeinsam handeln können.
Jeder neugeborene Mensch wird in einen symbolischen Bezugsrahmen geteilter Bedeutungen und Wahrnehmungen hineinsozialisiert, sprich: zu einer Person gemacht, die innerhalb der kulturellen Normen individuell und sozial handlungsfähig ist. In der Kultur, in der ich aufgewachsen bin, ist die Unterscheidung zweier Geschlechter, Männlichkeit und Weiblichkeit, ein symbolisches Grundprinzip. Es prägt die Sprache, die sozial lesbaren Verhaltensweisen und die Art und Weise, wie Menschen und Räume aufgeteilt werden.
Für die meisten Menschen ist die zweigeschlechtliche Aufteilung der Welt so selbstverständlich, dass sie die allgegenwärtige Wirkung dieser Aufteilung nicht erkennen können. Das gilt insbesondere für „cisgeschlechtliche“ Personen, also für all jene, die keinen Widerspruch zwischen ihrem amtlichen Geschlechtseintrag und dem eigenen Geschlechtsempfinden erleben.
Die Aufteilung in zwei Geschlechter prägt unsere Welt:
- Räume und Gebäude werden nach dieser Aufteilung gestaltet, z. B. Toiletten, Umkleideräume, Sportstätten, Gefängnisse, Gebetshäuser oder Textilgeschäfte.
- Kommunikation ist gegendert: Nonverbale und verbale Ausdrucksformen von Menschen unterscheiden sich entlang der zweigeschlechtlichen Trennlinie, von der Stimmmelodie über die Interaktionsformen bis zur Auswahl der Themen.
- Die meisten Handlungsfelder und Erfahrungsräume sind gegendert: Familie und Care-Arbeit, Berufswahl, Mode, Nahbeziehungen und Sexualität, Konsum und Werbung, Gesundheit und Medizin, Wissenschaft und Forschung, religiöse Praktiken usw.
Die gesellschaftlich tief verwurzelte Dualität „männlich versus weiblich“ ist kein natürliches Phänomen, sondern ein kulturelles Konstrukt, das unsere Wahrnehmung, unser Handeln und unsere Vorstellungen von Normalität durchdringt.
Ich benutze unterschiedliche Gender-Begriffe, um meine Erfahrungen als Transperson in einer patriarchalen, also von männlicher Herrschaft geprägten, und zweigeschlechtlich organisierten Gesellschaft zu verstehen. Die feministischen Wissenschaftler*innen Sara Ahmed, Judith Butler, Miranda Fricker, Audre Lorde und Susan Stryker haben mich in den letzten Monaten sehr bewegt. Ich verdanke ihnen so viel! Sie haben mir geholfen, meine Transition jenseits medizinischer Trans*Diskurse zu denken und meine inneren Bedürfnisse und Kräfte besser zu verstehen. Außerdem bin ich durch meine postmoderne und postkoloniale ethnologische Ausbildung geprägt: Michel Foucault, Pierre Bourdieu, Stuart Hall und Frantz Fanon haben tiefe Spuren in meiner Wahrnehmung der Welt hinterlassen.
Gender als Sprache
Frei nach Judith Butler (1990: 206): 'Ich bin nicht mein Geschlecht, ich mache mein Geschlecht.' Gender ist eine komplexe, bedeutungsvolle Ausdrucksform. Ich „spreche Gender“ in der Art und Weise, wie ich meinen Körper bewege und benutze, wie ich die Oberfläche meines Körpers gestalte und wie ich mich in sozialen Räumen verhalte und positioniere.
Meine Transition begreife ich als eine performative Veränderung: Ich möchte kulturelle Weiblichkeit ausdrücken. „Transition“ bedeutet: Ich verlasse meinen männlichen Standort im Gender-Universum und bewege mich in kleinen Schritten in Richtung kultureller Weiblichkeit. Dafür muss ich einerseits die Segmente meiner gelebten und habitualisierten Männlichkeit abschichten und andererseits lernen, Weiblichkeit zu performen. Ich lerne mithilfe von Spiegel und Kamera. Ich kleide, schmücke, bewege und positioniere meinen Körper mit dem Ziel, mich selbst als weibliche Person wahrzunehmen. Wenn ich mein weibliches Spiegelbild erblicke, erlebe ich Genuss und Zufriedenheit.
Diese positive innere Reaktion auf gelebte Weiblichkeit, die ich „Transjoy“ nenne, ist für mich die wichtigste Motivation, meine internalisierte Transfeindlichkeit zu überwinden und entgegen der kulturellen Erwartung meine innere Weiblichkeit zu entfalten.
Kulturelle Programmierung
Ich benutze die Metapher der „kulturellen Programmierung“, weil ich meine gelebte Männlichkeit verstehen und dekonstruieren möchte: Welche Aspekte meiner individuellen Existenz (Denken, Fühlen, Bewusstsein, Begehren, Körperschema, Habitus, verbale und nonverbale Verhaltensmuster) wurden männlich geprägt? Und welche Beiträge zu meiner kulturellen Programmierung habe ich selbst geleistet?
Menschen sind keine Marionetten, sie treffen Entscheidungen und sind handlungsfähig. Das ist eine Herausforderung für die Organisation menschlicher Kollektive. Wie wird die einzelne Person dazu gebracht, freiwillig und mit eigener Kraft einer kollektiven Norm zu folgen, obwohl diese Norm ihren eigenen Bedürfnissen widerspricht? Mit welchen Mechanismen der Einflussnahme hat das Kollektiv mich dazu bewegt, meine weibliche Genderorientierung zu unterdrücken und Männlichkeit zu performen?
Zentrale Mechanismen meiner erfolgreichen Unterdrückung waren Beschämung, Angst vor Verachtung, die Nichtverfügbarkeit positiver Bedeutungen, die ich hätte nutzen können, um mein inneres Erleben zu verstehen und in Worte zu fassen, sowie die gezielte Manipulation meiner Selbstwahrnehmung als Transperson, insbesondere durch anerkannte Expert*innen, deren Hilfe ich suchte. Positive Impulse meiner männlichen Programmierung waren die Anerkennung und das Begehren in den Augen der Anderen, wenn ich die Norm erfüllte („Was für ein netter junger Mann“), sowie alltägliche, mehr oder weniger subtile Anrufungen meiner Männlichkeit durch Worte, Gesten, Blicke und die Zuweisung in männliche Räume. Subtile Anrufungen können in der Art einer Berührung liegen: zum Beispiel in einer kumpelhaft-wertschätzenden Begrüßung, mit der die Person signalisiert, dass sie mich als Mann wahrnimmt oder in der sprachlichen Ausgestaltung eines Kompliments: „Hey, sieht echt cool aus das Teil“ (und nicht: „Voll süß, dein Shirt“).
Meine Fähigkeit, mich selbst neu zu programmieren, unter anderem durch die Überwindung meiner internalisierten Transfeindlichkeit, durch die performative Realisierung meiner inneren Weiblichkeit und den Verzicht auf die Suche nach Anerkennung in den Augen der Anderen, ist der Schlüssel meiner aktuellen Transition. Während der vorherrschende genderbiologistische Transdiskurs seit Jahrzehnten den „Mythos des falschen Körpers“ (Missé 2022) und die Geschichte einer medizinischen ‚Umwandlung‘ erzählt, erlebe ich meine Transition als einen performativen, spirituellen, politischen und sozialen Prozess.
Allerdings befürchte ich, dass nur wenige Personen meine weibliche Identität anerkennen werden, solange ich mein Transsein nicht durch medizinische Maßnahmen unsichtbar mache.
Gender als Begehren
Doch warum will ich unbedingt Weiblichkeit verkörpern, obwohl ich doch weiß, dass all diese gegenderten Dinge und Praktiken, die mir so wichtig sind, kulturelle und politische Konstrukte sind? Wie kann ich dieses Wollen, das gegen die „natürlichen“ Kräfte meiner männlichen Sozialisation gerichtet ist, gendertheoretisch erklären?
Im Einfluss der Psychoanalyse verstehe ich Gender als eine Form des Begehrens. Das Gender-Begehren ist eine Quelle der Selbstliebe. Es zeigt mir, wie ich selbst schön sein will. Es lenkt aus mir selbst heraus meine geschlechtliche Identifikation und verbindet mich mit bestimmten Positionen im kulturellen Gendergefüge.
Das Gender-Begehren ist sinnlich und kraftvoll wie das sexuelle Begehren. Beide Formen des Begehrens vermitteln Orientierung. Während jedoch die sexuelle Orientierung darauf ausgerichtet ist, welche Anderen wir begehren, ist die Gender-Orientierung darauf ausgerichtet, wie wir selbst von Anderen wahrgenommen und begehrt werden wollen (vgl. O’Donnokoé & Langer 2024: 18).
Vergleichbar mit dem sexuellen Begehren ist das Gender-Begehren eine eigensinnige Kraft, die kulturelle Normen durchbrechen kann. Mit Audre Lorde (2021) verstehe ich das Gender-Begehren als erotisch – also als genussvoll und sinnlich. Die Erotik bringt unser Leben zum Leuchten. Sie gibt uns Wissen und Kraft. Wenn marginalisierte Personen Zugang zu ihren erotischen Machtquellen haben, sind sie nicht länger bereit, die eigene Unterdrückung zu akzeptieren. Audre Lorde (1934-1992) ist eine Ikone des Schwarzen Feminismus. Sie nannte sich selbst eine Schwarze, lesbische, feministische Sozialistin und sie beschrieb die Kraft der Erotik als „das Tiefste, Stärkste und Reichste in uns“, als „die Verkörperung der Liebe in all ihren Formen“, als eine „Quelle von Macht und Wissen“ (ebd.: 51, 54, 55).
„[W]enn wir uns an der Fremdbestimmung orientieren statt an unserem inneren Wissen und unseren Bedürfnissen; wenn wir entfremdet von den erotischen Wegweisungen in uns leben, dann wird unser Dasein durch äußerliche Grenzen eingeschränkt und wir fügen uns den Anforderungen einer Struktur, die nicht auf menschlichen und schon gar nicht auf individuellen Bedürfnissen gründet. Aber wenn wir anfangen, von innen nach außen zu leben, im Kontakt zur Macht des Erotischen in uns, und wenn wir zulassen, dass diese Macht auf unsere Umwelt einwirkt und sie erhellt, haben wir in einem umfassenden Sinn Verantwortung für uns selbst übernommen. Denn indem wir unsere Gefühle anerkennen, müssen wir uns nicht mehr mit Leid und Selbstverleugnung zufrieden geben oder mit jener Stumpfheit, wie sie in unserer Gesellschaft die einzige Alternative zu sein scheint. Der Kampf gegen die Unterdrückung wird zu einem Bestandteil unseres Selbst, aus uns heraus motiviert und von innen ermächtigt.“ (ebd. 57-58)
Audre Lorde benennt Erfahrungen, für die ich keine Worte hatte. Ich konnte mein eigenes Erleben nicht verstehen, weder die Freude der Sinnlichkeit noch den Schmerz der Unterdrückung. Heute genieße ich mein Gender. Seit ich mir in kleinen Schritten erlaube, zu sein, wer ich bin, in der Art, wie ich mich kleide, wie ich tanze, wie ich meinen Körper bewege und gestalte, erlebe ich viele schöne und kraftvolle Momente. Aber auch tiefe Trauer. Ich bin 54. Ich habe nie lernen dürfen, meine Weiblichkeit zu entfalten. Nicht als Kind. Nicht als Jugendliche. Nicht mit 30. Nicht mit 40.
Mein Gender-Begehren war unglaubwürdig („Du bist doch ein Mann“), und die vermeintliche „Störung meiner Sexualität“ rückte mich in die Nähe pädokrimineller Verbrecher. Die kollektiven Bedeutungen, die ich nutzen konnte, um meine Gender-Erfahrungen zu verstehen, machten mich zu einem Freak, zum Monster.
Als ich dennoch beschloss, „als Frau leben zu wollen“, Anfang der 1990er-Jahre, reagierte meine Mutter mit einem Nervenzusammenbruch, und meine privilegierten Eltern bezahlten einen Sexualtherapeuten, der mich fragte: „Würdest Du erwarten, dass ich Dir glaube, wenn Du sagst, Du bist Napoleon?“ Schamerfüllt verbannte ich mein Gender-Begehren in eine Ecke meiner Seele. Aber die Sehnsucht, Weiblichkeit zu leben, verschwand nicht. Ich versuchte, feminine Styles zu integrieren, und erntete abwertende Kommentare. „Nicht ernst, oder? Du siehst aus wie ein kleiner Junge. Alles gut bei Dir?“ Ich suchte Hilfe. Mehrmals. Weitere Therapeut*innen definierten mein Transsein als „verkappte Homosexualität“ und „frühkindliche Traumatisierung“. Keine Therapeutin zeigte je Interesse an meinen Gender-Erfahrungen.
Ich musste und durfte mich selbst therapieren. Mein inneres Outing in den vergangenen vier Jahren war ein zäher Prozess: die dicken Schichten der Verachtung abbauen. All die transfeindlichen Bedeutungen, die ich mir zu eigen gemacht hatte. Aber ich folgte meinen inneren Wegweisungen und begann, meine Leidenschaft für weibliche Styles umzusetzen. Ich habe gewagt, mir selbst zu vertrauen, meine Gefühle wahrzunehmen und von innen nach außen zu leben. Danke, Audre Lorde, für diese Lektion! Und ich danke all den wunderbaren Transpersonen, die ich in den vergangenen Jahren kennenlernen durfte, die mit mir tanzten und feierten und die mir gezeigt haben, wie schön und kraftvoll unser Gender ist.
Gender als Ideologie
Menschen leben unweigerlich in einer symbolischen Welt. Das heißt: Jede Wahrnehmung, jedes Denken, jedes Sprechen ist symbolisch strukturiert. Wenn ich einen Baum wahrnehme, sehe ich nicht den Baum, wie er „wirklich“ ist. Ich sehe das, was dieser Baum für mich bedeutet – im Kontext einer bestimmten symbolischen Ordnung und vor dem Hintergrund meiner eigenen Geschichte.
Dieser Mechanismus wirkt immer, auch bei so sensiblen Themen wie der Wahrnehmung unseres eigenen Körpers. „Penis“: einfach nur Biologie? Nein: „Penis“ ist ein „Signifikant“, ein Bedeutungsträger. Und all die Bedeutungen, die in einem bestimmten historischen und machtpolitischen Kontext mit „Penis“ verknüpft sind, beeinflussen das, was wir denken, fühlen und uns vorstellen, wenn wir „Penis“ sagen oder einen „Penis“ sehen.
Damit verliert „die Biologie“ ihre vermeintliche Neutralität. Körperliche Merkmale existieren, aber die Bedeutungen, die ihnen zugeschrieben werden, sind historisch und gesellschaftlich geprägt.
Das biologische Geschlecht ist eine ideologische Konstruktion, die gegen trans*Personen gerichtet ist, weil nahezu alle Mitglieder des Kollektivs glauben, ihr Geschlecht sei biologisch bestimmt. Dabei ist die Vorstellung, dass biologische Mechanismen wie Gene oder Hormone Gender als kulturelle Praxis hervorbringen, schwer nachzuvollziehen. Alle wissen, dass zum Beispiel ihre Großeltern ihr Geschlecht ganz anders erlebt und realisiert haben als sie selbst. Und trotzdem glauben die meisten Menschen, sie seien „männlich“ oder „weiblich“, weil sie einen bestimmten Körper haben.
Das 'biologische Geschlecht' ist ein „erhabenes Objekt der Ideologie“ (Žižek 2009), ein vollständig naturalisiertes Element der Kultur. Doch Vorsicht: Das, was für die einen selbstverständlich erscheint, bedeutet für die anderen Unterdrückung und Leid. „Eure Heimat ist unser Alptraum“ (Aydemir, Yaghoobifarah 2024) ist ein antirassistischer Buchtitel, den ich gern auf die Erfahrungen von Transpersonen in einer cis-normativen Gesellschaft übertrage.
Die Naturalisierung von Bedeutungen ist eine klassische Machtstrategie. Mit dem 'biologischen Geschlecht‘ werden im Patriarchat ungleiche Beziehungen zwischen Männern und Frauen naturalisiert und Erfahrungen jenseits der kulturellen Zweigeschlechtlichkeit unsichtbar gemacht. Dabei zeigen historische und aktuelle Untersuchungen, dass die Einteilung in zwei Geschlechter keineswegs universell ist:
In The Invention of Women: Making an African Sense of Western Gender Discourses erläutert die Genderforscherin Oyèrónkẹ́ Oyěwùmí (1997), dass in der vorkolonialen Gesellschaft der Yoruba keine fixierten und hierarchischen Geschlechterkategorien existierten. Soziale Rollen und Status wurden primär nach Alter, Abstammung und Gemeinschaftszugehörigkeit organisiert, und nicht nach körperlichen Geschlechtsmerkmalen. Erst die britischen Kolonialherren infiltrierten die Yoruba-Gesellschaft mit der Ideologie einer biologischen Zweigeschlechtlichkeit und dem damit begründeten patriarchalen Machtsystem.
In Gender Diversity in Indonesia thematisiert Sharyn Graham Davies (2010) die geschlechtliche Vielfalt in Indonesien, insbesondere bei den Bugis auf Sulawesi. Sie zeigt, dass Geschlecht dort nicht auf die Kategorien „männlich“ und „weiblich“ begrenzt ist, sondern unterschiedlich und je nach Zusammenhang verstanden wird. Davis untersucht die gesellschaftlichen Positionen der calalai, der calabai und der bissu. Insgesamt beschreibt sie fünf gesellschaftliche Geschlechterpositionen: Männer, Frauen, calalai, calabai und bissu. Diese Positionen überschreiten aus europäischer Sicht den Rahmen der Zweigeschlechtlichkeit. In der Bugis-Gesellschaft sind sie jedoch eigenständige kulturell verankerte Geschlechterpositionen.
In The Shape of Sex: Nonbinary Gender from Genesis to the Renaissance untersucht Leah DeVun historische Vorstellungen von Androgynie in Europa und die religiösen, naturphilosophischen und rechtlichen Deutungen von Körpern, die in vormodernen Quellen als „Hermaphroditen“ bezeichnet oder als "zwischen männlich und weiblich stehend" beschrieben wurden.
Die Zweigeschlechtlichkeit, verwurzelt in dem Glauben an die biologische Festlegung von Männlichkeit und Weiblichkeit, ist eine mächtige kulturprägende Idee. Sie ist mit der Geschichte des kolonialen Europas und seiner ausgeprägten Neigung verbunden, Körper zu vermessen, zu unterscheiden und in eine hierarchische Ordnung einzuteilen. Ein Blick in die Geschichte unterschiedlicher Epochen und Gesellschaften deutet darauf hin, dass Menschen die Fähigkeit haben, Geschlecht in vielfältigen Varianten auszuformen und ihre körperlichen Erfahrungen mit unterschiedlichen Bedeutungen zu verbinden.
Freiheit
Ich benutze „Gender“ als Konzept, um meine inneren und äußeren Erfahrungen als weibliches Wesen in einem kulturell männlich definierten Körper zu verstehen. Diese Erfahrungen sind durch eine symbolische Ordnung geprägt, die in einer strengen Unterscheidung männlicher und weiblicher Körper begründet ist.
Weiß-bürgerlich-europäisch geprägte Gesellschaften pflegen eine lange Tradition der willkürlichen Auswahl und Stigmatisierung körperlicher Merkmale als Rechtfertigung für die Abwertung bestimmter Personengruppen. Rassismus, Sexismus, Ableismus und Transfeindlichkeit: Körper werden markiert und die menschlichen Wesen, die diese Körper bewohnen, entwertet, ausgebeutet und im schlimmsten Fall vernichtet.
Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit verursacht individuelles Leid und verengt die Sichtweisen, die wir als menschliche Kollektive nutzen können, um gemeinsame Probleme zu lösen. Miranda Fricker (2023: 35) spricht von „Lücke[n] in den kollektiven hermeneutischen Ressourcen“. Als ausgrenzende Gemeinschaft haben wir weniger Werkzeuge, um die Welt zu verstehen, weil die Erfahrungen und das Wissen der Ausgegrenzten nicht beachten.
Die Fähigkeit des Menschen, individuelle Einzigartigkeit mit kollektiven Lebensweisen zu vereinbaren und dabei Welten zu erschaffen, die sich eklatant unterscheiden können, ist eine Grundlage menschlicher Überlebenskunst. Geschlechtliche Vielfalt ist keine Störung oder gar Bedrohung menschlichen Zusammenlebens. Sie gehört zur Freiheit der menschlichen Lebensgestaltung.
Trans*Erfahrungen machen die tiefen kulturellen Prägungen von Männlichkeit und Weiblichkeit sichtbar und eröffnen Menschen die Möglichkeit, bislang unbewusste Prozesse der Identitätsbildung besser wahrzunehmen und ihre Fähigkeit zu erweitern, das eigene Leben selbstbestimmt zu gestalten.
Literatur
Ahmed, Sara (2018): Feministisch leben! Manifest für Spaßverderberinnen. Aus dem Englischen von Emilia Gagalski. Münster: UNRAST Verlag.
Butler, Judith (1990): Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Davies, Sharyn Graham (2010): Gender Diversity in Indonesia: Sexuality, Islam and Queer Selves. Abingdon: Routledge.
DeVun, Leah (2021): The Shape of Sex: Nonbinary Gender from Genesis to the Renaissance, New York: Columbia University Press, 2021.
Fatma Aydemir & Hengameh Yaghoobifarah (2024): Eure Heimat ist uns Alptraum. Erweiterte Neuausgabe. Ullstein Buchverlage GmbH.
Lorde, Audre (2021): „Vom Nutzen der Erotik: Erotik als Macht“. In: Sister Outsider. Essays. Aus dem Englischen von Eva Bonnè und Marion Kraft. Seiten 51–60. München: Carl Hanser Verlag.
Miranda Fricker (2023): Epistemische Ungerechtigkeit. Macht und die Ethik des Wissens, aus dem Englischen von Antje Korsmeier, mit einer Einführung von Christine Bratu und Aline Dammel, München: C.H.Beck.
Missé, Miquel (2022): The Myth of the Wrong Body. Übersetzt von Frances Riddle. John Wiley & Sons.
O’Donnokoé, Niclas; Langer, Phil C. (2024): „Psychoanalyse und Trans-/Geschlechtlichkeit. Versuch einer verständnisvollen Verstrickung“. In: Langer, Phil C.; O’Donnokoé, Niclas (Hg.): Transgeschlechtlichkeit und Psychoanalyse. Queer Studies, Band 37. transcript Verlag, Bielefeld.
Oyěwùmí, Oyèrónkẹ́ (1997): The Invention of Women: Making an African Sense of Western Gender Discourses. Minneapolis: University of Minnesota Press.
Susan Stryker: „Meine Worte an Viktor Frankenstein oberhalb des Dorfes von Chamounix. Performing Transgender Rage“, aus dem Englischen von Christian Struck, in: Transpositiones, 2. Jg., Heft 1 (2023), S. 53–74. (Die englische Originalfassung ist von 1994 und gilt als einer der Gründungstexte der Transgender Studies).
Žižek, Slavoj (2009): The Sublime Object of Ideology. In: The Essential Žižek. London, England: Verso Books.